Thema des Tages
Geschichte der Meteorologie - Teil 3: Meteorologie der Spätantike sowie im europäischen Frühmittelalter
Der dritte Teil der Serie Geschichte der Meteorologie beleuchtet die Entwicklung der Meteorologie in der Spätantike zur Zeit der Römer und im Übergangsbereich zum Frühmittelalter. Auch in den asiatischen Kulturen in Indien und China tauchen neue Erkenntnisse zur Meteorologie auf.
Im letzten Teil der Geschichte der Meteorologie wurde die Entwicklung der Meteorologie im alten Indien und China einerseits und ausführlicher die auf europäischem Boden im antiken Griechenland beschrieben.
Ein Nachtrag zu dieser Zeit sei an dieser Stelle noch gestattet. Blicken wir zurück in den Osten ins alte Indien: Im Werk "Arthasastra", geschrieben vom indischen Minister Chanakya (um 350-um 283 v. Chr.), welcher als Berater des ersten Kaisers des indischen Maurya-Reiches wirkte, wurde über die Einführung eines Verwaltungssystems berichtet. Im Bereich der Landwirtschaft lagen aus dieser Zeit systematische Niederschlagsmessungen vor, welche sich auf verschiedene Bereiche des Subkontinents bezogen. Sie zeigen, dass erste Regenmesser im alten Indien bis in die Zeit vor der christlichen Zeitenwende zurückreichen.
Kommen wir wieder zurück in den europäischen Kulturkreis. Nach dem Untergang des antiken Griechenlands ging die Weiterentwicklung der Geschichte der Meteorologie über auf das Römische Reich. Im Vergleich zum antiken Griechenland gelang im Römischen Reich kein so umfangreicher Erkenntniszuwachs, vielmehr blieb das Wissen der Griechen dominant.
Im sechsbändigen Werk "De rerum natura" des römischen Dichters und Philosophen Lukrez (um 95-um 55 v. Chr.) wurde die Naturphilosophie von Epikur (griechischer Philosoph, um 341-270 v. Chr.), die die Entstehung von Gesellschaft und Kultur auf rein natürliche Ursachen ohne Gottheiten abmünzt, wiedergegeben und zusammengefasst. Inhalte des Werkes waren die Atomlehre, die Seelenlehre und die empirische Welt, welche sich aus Kosmologie und Kulturentstehungsgeschichte zusammensetzte. Im 6. Buch wurde die Meteorologie behandelt. Der römische Dichter Vergil (70-19 v. Chr.) erfreute sich an der Natur, suchte sie aber auch durch die Naturphilosophie, die Wissenschaft jener Zeit, zu verstehen. Er nahm Wetterzeichen in ein Handbuch zur Tierhaltung auf. Sein Werk "Georgica" umfasste etwa 2000 Verszeilen über Landwirtschaft und Wetter. Hier ein Auszug: "Was gibt es zu sagen über die Herbststürme und die Sterne; und warum müssen die Menschen wachsam sein; wenn nun die Tage kürzer werden und die Sommerhitze nachlässt? Wenn der Frühling, der Regenbringer, herabstürzt; Oder wenn sich die Ähren der Ernte auf der Ebene bereits aufrichten..."
Der griechische Geograph und Geschichtsschreiber Strabon (um 63 v. Chr.-23 n. Chr.) versuchte in seinem Werk "Geographie", welches er kurz vor seinem Tod vollendete, das gesamte bekannte geographische Wissen zusammenzufassen. Es umfasste alle Länder und Völker, die den Römern und Griechen zu jener Zeit bekannt waren. Es enthält eine frühe Beschreibung des Wetters auf den Britischen Inseln: "Das Wetter dort ist eher regnerisch als schneereich; und an Tagen mit klarem Himmel herrscht so lange Nebel, dass die Sonne den ganzen Tag über nur etwa drei oder vier Stunden lang um die Mittagszeit zu sehen ist.
..."
Der römische Dichter Ovid (43 v. Chr.-17 n. Chr.) wurde von Kaiser Augustus (63 v. Chr.-14 n. Chr.) im Jahre 8 n. Chr. nach Tomis an die Westküste des Schwarzen Meeres (heute das rumänische Constanta/Konstanza) verbannt. In seinen Werken "Tristia" und "Epistulae ex Ponto" beschrieb er das dortige vergleichsweise harsche Klima, beispielsweise Kälte, Frost und Schnee, fehlende Tauphasen inmitten des Winters und das Zufrieren der Donau.
Der römische Philosoph und Naturforscher Seneca der Jüngere (um 3 v. Chr.-65 n. Chr.) sowie Plinius der Ältere (um 24-79 n. Chr.), ein römischer Gelehrter, fassten beide aus griechischen Quellen die Theorie der antiken griechischen Naturwissenschaft zusammen. In Senecas "Quaestiones Naturales" ("Fragen über die Natur") wird überwiegend Astronomie und Meteorologie behandelt, darunter alle Wetterphänomene. Wind wird nicht nur als bewegte Luft beschrieben, sondern mit der Verdunstung kombiniert. In Plinius' "Naturalis historia" ("Naturgeschichte"), eine 37-bändige Enzyklopädie, wurde das meteorologische Wissen von 20 bedeutenden griechischen Gelehrten zusammengetragen. Auch Details über Windsysteme und Navigation in der Seeschifffahrt fanden dort Erwähnung.
Der römische Geograph und Kosmograph Pomponius Mela (um 15-45 n. Chr.) formulierte in seinem Werk "De situ orbis" im Jahr 43 n. Chr. das System der Klimazonen. Er teilte die Erde in fünf Zonen ein, von denen nur zwei bewohnbar waren, die nördliche und die südliche Temperaturzone.
Aus dem ersten Jahrhundert nach Christus liegen aus dem römischen Palästina Niederschlagsmessungen vor. Regenmengen wurden durch Priester mittels spezieller Gefäße gemessen und in Mengenangaben "tofahs" und "tefahs" versehen, einem alten Längenmaß, welches rund 9 cm entspricht. In den Frühjahrsmonaten wurden 6 tofahs Niederschlag gemessen, was etwa 54 cm entspricht. Nimmt man die heutige Umrechnung auf den Quadratmeter an, wäre es zu dieser Zeit etwas feuchter als heute gewesen. Jüdische Priester nutzten die Messungen, um die Fruchtbarkeit und damit das Erntepotential der Region zu prognostizieren.
Der griechische Mathematiker, Geograph und Astronom Claudius Ptolemäus (um 100-um 160) leistete einen Beitrag zur Astrometeorologie, welche die Verbindung astronomischer Phänomene mit dem Wetter beschreibt. In seinem Werk "Phasen der Fixsterne und Sammlung von Wetterzeichen" beschrieb er Methoden zur Wettervorhersage anhand astronomischer Ereignisse, die auf geometrischen und mathematischen Modellen der Planetenbewegungen beruhten. Diese basierten wiederum sowohl auf historischen Beobachtungen als auch auf seinen eigenen Beobachtungen. Ptolemäus beschrieb Positionsberechnungen der Planeten und gab Richtlinien zur Deutung ihrer Auswirkungen auf das Wetter. Dies trug zur griechischen Tradition astrometeorologischer Kalender bei, die astronomische Phänomene mit Wettervorhersagen in Verbindung brachten. "Phasen der Fixsterne und Sammlung von Wetterzeichen" ist auch deshalb von Bedeutung, weil es eine Informationsquelle über frühere Autoritäten in der Tradition des astrometeorologischen Kalenders darstellt, darunter Hipparchos von Nicäa.
Der griechische Arzt und Naturforscher Galenos von Pergamon (um 130-um 210) war bei der Behandlungsmethode der Blutentnahme der Ansicht, dass die Menge des abzulassenden Blutes nicht nur vom Alter, der Konstitution und dem Wohnort des Patienten abhing, sondern auch von der Jahreszeit und dem Wetter. Generell war Galenos der Meinung, dass lebende Körper aus einer ungleichmäßigen Mischung aus Heißem, Kaltem, Feuchtem und Trockenem bestehen - den "Gegensätzen" nach Aristoteles, heute als Viersäftelehre oder Humoralpathologie bekannt.
Damit wären alle wesentlichen Entwicklungen im Römischen Reich zusammengefasst. Werfen wir nun einen Blick weit nach Osten: Im antiken China gibt es zu dieser Zeit eine etwas ausführlichere Vorstellung, wie der Regen entsteht:
In seinem Werk "Lunheng" widerlegte der chinesische Philosoph Wang Chong (27-um 97 n. Chr.) aus der Han-Dynastie den chinesischen Mythos, dass Regen vom Himmel komme, und erklärt, dass Regen aus dem Wasser auf der Erde in die Luft verdunstet und Wolken bildet. Er stellte fest, dass Wolken zu Regen kondensieren und auch Tau bilden, und er sagte, wenn die Kleidung von Menschen in hohen Bergen feucht wird, liege dies an dem in der Luft schwebenden Regenwasser. Wang Chong stützte seine Theorie jedoch auf eine ähnliche These von Gongyang Gao, dessen Kommentar zu den "Frühlings- und Herbstannalen", der "Gongyang Zhuan", bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. verfasst wurde. Das zeigt, dass die chinesische Vorstellung, Regen verdunste und steige auf, um Wolken zu bilden, weit vor Wang Chong zurückreicht. Wang Chong schrieb: "Was diesen Regen betrifft, der aus den Bergen kommt, so sind einige der Ansicht, dass die Wolken den Regen mit sich führen und sich auflösen, sobald er niedergeht (und sie haben Recht). Wolken und Regen sind eigentlich ein und dasselbe. Wasser, das nach oben verdunstet, wird zu Wolken, die sich zu Regen oder weiter zu Tau verdichten."
Auch aus Indien liegen einige weitere meteorologische Erkenntnisse vor. Der indische Dichter Kalidasa, der um 500 n. Chr. lebte, erwähnte in seinem Gedicht "Meghaduta" ("Wolkenbote") den Zeitpunkt des Einsetzens des Südwestmonsuns über Zentralindien und zeichnete den Weg der Monsunwolken von dort zum Berg Kailash in Tibet nach. Um das Jahr 575 n. Chr. veröffentlichte der indische Astronom und Mathematiker Varahamihira (505-587) sein Werk "Brihat-Samhita" ("Große Sammlung"), das eindeutige Belege dafür liefert, dass im indischen Raum bereits fundierte Kenntnisse über atmosphärische Vorgänge vorhanden waren.
Kommen wir nun wieder zurück nach Europa. Nach dem Zerfall des Römischen Reiches, der den Übergang der Spätantike zum europäischen Frühmittelalter einleitet, gab es keine signifikante Weiterentwicklung in der Meteorologie. Lediglich wenige theologische Gelehrte verfassten Abhandlungen, in welchen meteorologische Aspekte erwähnt wurden, die jedoch im Wesentlichen den Stand der Dinge der Antike wiedergaben.
Der hispanische Bischof und Historiker Isidor von Sevilla (um 560-636) schrieb in seinem Werk "De Natura Rerum" (Über die Natur der Dinge) über Astronomie, Kosmologie und Meteorologie. In den Kapiteln zur Meteorologie befasste er sich mit Donner, Wolken, Regenbogen und Wind. Auch die "Verderbnis der Luft" (Pest) wurde behandelt. Allerdings wurde er durch die vorherrschende theologische Ansicht eingeschränkt, dass der einzige legitime Weg, Naturwissenschaften zu studieren, über die Heilige Schrift führte.
Der angelsächsische Theologe und Benediktinermönch Beda Venerabilis (um 672-735) gilt als einer der bedeutendsten Gelehrten des europäischen Frühmittelalters. In seiner gleichnamigen Enzyklopädie "De Natura Rerum", die um das Jahr 703 entstanden ist, handelte ein großes Kapitel von den Naturwissenschaften, in dem auch Wetterprognosen thematisiert wurden. Andere bedeutende Kapitel stellten die Astronomie und die Komputistik, die Zeitrechnung, dar. Beda Venerabilis schrieb als erster Angelsachse über das Wetter und gilt als Begründer der Meteorologie in England.
Die weitere Entwicklung in der Geschichte der Meteorologie wird aus Erkenntnissen der Araber abgeleitet. Die Araber dominierten im Folgenden im europäischen Kulturraum sämtliche wissenschaftlichen Entwicklungen des Früh- und Hochmittelalters. Der nächste Teil der Serie Geschichte der Meteorologie wird diese Episode beleuchten und einen Überblick über die nächsten meteorologischen Erkenntnisse in Mesoamerika und im antiken China zusammenfassen.
Dipl.-Met. Markus Eifried
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 16.04.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst