Thema des Tages
Westeuropa blockiert erneut
Über Westeuropa baut sich zum Beginn der kommenden Woche ein kräftiges und blockierendes Hochdruckgebiet auf, das weiten Bereichen Spaniens und Südfrankreichs heißes Spätsommerwetter bringen dürfte. Doch wie kommt es zu dieser Entwicklung und was sind die Auswirkungen
u.a. auch bei uns in Mitteleuropa?
Frankreich kommt und kommt nicht zur Ruhe. Nach dem heißesten Sommer seit Messbeginn mit drei Hitzewellen (u.a. mit der intensivsten und längsten Hitzewelle, die dort jemals beobachtet wurde) geht es nun auch im September besonders im Süden von Frankreich heiß weiter. Dies war dort auch Anfang September ein Thema, wo es u.a. einen neuen nationalen Temperaturrekord für diesen Monat in Durban Corbieres gab: 40.8 Grad Celsius am 4. des Monats. Nun steht zum Ende des Monats erneut eine kräftige Blockierungslage ins Haus, die wohl weniger durch die bodennahen Temperaturspitzen auffallen dürfte, sondern eher durch ungewöhnlich hohe Geopotenzialabweichungen in der Höhe (500 hPa, rund 5.5 km über Grund).
Die Entwicklung von blockierenden Antizyklonen fällt unterschiedlich aus und sorgt als ein vom Normalzustand abweichendes Ereignis innerhalb der Wettermodelle auch in der heutigen Zeit immer wieder für Probleme bei der (Früh)Erkennung.
Im heutigen Thema des Tages betrachten wir eine dieser Herangehensweisen, um eine günstige Hintergrundbedingung für die Entwicklung von blockierenden Antizyklonen rechtzeitig zu erkennen: die sogenannte "duale Jetkonfiguration".
Am besten lässt sich das am aktuellen Beispiel mit Hilfe einer einleitenden und erklärenden Abbildung darstellen.
Auf dieser Abbildung erkennt man in der farblichen Flächendarstellung die Anomalien der Wasseroberflächentemperatur und mit blauen und pinken Pfeilen jeweils die Lage des Polarfront- und Subtropenjets. Der Polarfrontjet, der in diesem Sommer besonders zum Beginn von unterdurchschnittlicher Intensität war, hat deutlich an Kraft gewonnen und liegt mittlerweile nahe am 90-iger Perzentil bezüglich der 78-25 Klimatologie. In unserem Fall sorgt aktuell eine temporäre südliche Verlagerung des Polarwirbels in der Troposphäre in Richtung Grönland für eine kräftige Intensivierung des Polarfrontjets. Zusätzlich erfasste eine beständige "Rex-Blockierung" (bzw. Hoch-über-Tief Blockierung) über dem nordöstlichen Pazifik die Meeresgebiete vor Baja California, wo eine marine Hitzewelle andauerte (schwarze Box mit SST - Abweichungen von +3 bis 4 Grad). Diese energiereichen Luftmassen wurden in der Folge nordostwärts in Richtung des Polarfrontjets geführt, was diesen weiter angefacht hat.
Man sieht aber auch, dass hier der Subtropenjet eingezeichnet wurde, der aktuell positive Anomalien bei der Windgeschwindigkeit aufweist, die vom tropischen östlichen Pazifik ausgehend sich über die südliche Karibik bis nach Nordafrika ausdehnen. Die positiven Anomalien gehören zu dem sich weiter intensivierenden El Nino, der nach der jüngsten Vorhersage des Klimavorhersagezentrums der NOAA im Zeitraum Oktober bis Dezember mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 % Werte um oder über den bisherigen Rekordwerten bezüglich der Intensität aufweisen soll. Die komplexe dynamische Kopplung dieser Warmwasseranomalie mit dem Subtropenjet wird der Übersicht wegen nur kurz skizziert: mit zu warmen Wasseroberflächentemperaturen wird die Konvektion im tropischen Sektor des Ostpazifiks forciert, was wiederum die Hadleyzelle (siehe: Thema des Tages vom 5. Februar 2019) anfacht, an deren Nordrand gelegen der Subtropenjet mehr Dynamik erhält.
Das ist bereits die gesamte Ausgangslage für eine sogenannte "duale Jetkonfiguration": ein ungewöhnlich kräftiger Polarfront- und Subtropenjet und zwischen beiden ein Bereich mit geringer Westwinddrift, der sogenannten "trap zone". In diesem Bereich sind die Hintergrundbedingungen förderlich für stagnierende Rossby-Wellen (günstig für meridionale Wellenvergrößerung mit anschließendem Wellenbrechen in quasi-stationäre Hoch-, oder Tiefdruckgebiete). Diese duale Jetkonfiguration kann für eine gewisse Zeit selbsterhaltend sein, in dem z.B. synoptisch-skalige Wettersysteme, die in so eine duale Jetkonfiguration hineinlaufen regelrecht auseinandergerissen werden und das stagnierende Wellenmuster stützen (fachlich unter "eddy-straining mechanism" bekannt). Doch wenden wir uns nun der aktuellen Entwicklung für die kommenden Tage zu.
Diese beschriebene Ausgangslage kann nun in Abbildung 2 für den 16. September 2026 angeschaut werden. Man erkennt einen sehr kräftigen Polarfrontjet, der in einzelnen Spitzen Windgeschwindigkeiten von mehr als 150 Knoten (rund 275 km/h) in rund 200 hPa (grob 12 km über Grund) aufweist. Auch der Subtropenjet weht kräftig nach Osten und geht mit ungewöhnlich hohen Windgeschwindigkeiten einher (und hemmt so nebenbei auch die aktuelle Hurrikansaison im Nordatlantik, Thema des Tages vom 15. September 2026). Dazwischen, in dem sehr windschwachen Bereich, wurden zwei eigenständige, sehr kräftige Hochdruckgebiete analysiert: einmal über dem Südosten der USA und dann nördlich der Azoren.
Springen wir nun aber in die Zukunft (21. September 2026) und schauen, was sich aus diesem Muster über Europa (stromab) entwickeln soll. Während sich die positiven Geopotenzialanomalien über den USA und dem Nordatlantik vorübergehend abschwächen, verschiebt sich das windschwache Minimum zwischen den Jets ostwärts und erfasst ab diesem Wochenende zunehmend auch Südwesteuropa (siehe Abbildung 3).
Die Folge ist eine günstige Hintergrundbedingung, in der sich eine für diese Jahreszeit ungewöhnliche intensive Antizyklone über West-/Südwesteuropa entwickeln kann. Diese sorgt dort nicht nur für rekordverdächtige Abweichungen beim Geopotenzial (dank sehr milder Höhenluft), sondern treibt auch bodennah die Temperaturwerte zum Beginn der kommenden Woche wieder in die Höhe. Inwieweit Rekordwerte ins Visier genommen werden ist noch unsicher, da es sich bei der Ausbildung dieser Antizyklone eher um einen baroklinen Keil (mit der Höhe geneigt und an der Westflanke von Warmluftadvektion dominiert) als um einen barotropen Keil handelt. Letztere fällt vor allem durch eine große Beständigkeit auf und war u.a. auch Ende Juni diesen Jahres für die extreme Hitzewelle über West- und Mitteleuropa verantwortlich. Somit setzt in Südwest- und ggf. in der Folge auch in Westeuropa erneut ein spätsommerlich heißer Witterungsabschnitt mit anhaltender Trockenheit ein, allerdings noch mit Unsicherheiten bei der Dauer. Wie ungewöhnlich die Intensität dieser Antizyklone in der Höhe ausfällt, zeigen die folgenden Grafiken.
Hier wird in den oberen Abbildungen (4 A bis C) hervorgehoben, wie ungewöhnlich die Intensität der Antizyklonen in der Höhe sind, die während der vergangenen Tage über dem Südosten der USA und in den kommenden Tagen auch über Westeuropa auftraten und sich noch entwickeln. In Abbildung 4A wird mit rot der Bereich hervorgehoben, wo das Geopotenzial im Bezug zur Hintergrundklimatologie des Modells für den entsprechenden Zeitpunkt in diesem Monat Rekordwerte bei der Ausprägung des Geopotenzials aufwies. Dies gilt neben dem Südosten der USA auch für den Bereich nördlich der Azoren. In Abbildung 4B werden die Perzentile gezeigt, wobei rot bis pink den obersten Bereich der Wahrscheinlichkeitsverteilung darstellt. Hier erkennt man, was für ein umfangreiches Gebiet Geopotenzialwerte aufwies, die in die Nähe des absoluten Rekordes beim Geopotenzial in 500 hPa (rund
5.5 km über Grund im Normalzustand) kamen, oder eben diesen übertrafen.
In Abbildung 4C wurde diese Information nun für die anstehende Antizyklone über Westeuropa aufgetragen und auch hier steuern wir auf Werte beim Geopotenzial zu, die im Bereich des absoluten Monatsrekords liegen können. Hier muss noch die genaue Entwicklung abgewartet werden, doch die Signale diesbezüglich sind vorhanden. Zuletzt wird in Abbildung 4D noch ein Meteorgramm vom europäischen Wettermodell gezeigt, das die Temperaturvorhersage in der Nähe von Bordeaux für die kommenden grob 2 Wochen aufzeigt. Hier erkennt man den durch die intensive Antizyklone hervorgerufenen kräftigen Erwärmungstrend bis in den oberen Bereich des Ensembles für die 2m Temperatur.
Zuletzt sei noch ein Blick erlaubt, was aus dieser blockierungsfreudigen Konstellation für ein Wetter über Mittel- und Osteuropa hervorgeht.
In Abbildung 5 wird gezeigt, dass sich die blockierende Antizyklone über Westeuropa im Verlauf der kommenden Woche abschwächt, sich aber weiterhin wacker gegen die Westdrift stellt und eine Aufspreizung des Höhenwindes in einen kräftigen Polarfront- und Subtropenjet fördert. Am Ostrand dieser Blockierung soll es nun über dem östlichen Europa in der kommenden Woche zu einem kräftigen (antizyklonalen) Brechen der Rossby-Welle kommen, mit der Entwicklung eines oder mehrerer Höhentiefs. Spätestens jetzt muss man jedoch sagen, dass die Modellunsicherheiten dramatisch zunehmen, denn solch isolierte Höhentiefs sind selbst in der Kurzfrist nicht selten mit großen Unsicherheiten behaftet, sprich alleine für diesen Vorhersagehorizont. Es mehren sich aber auch hier die Zeichen, dass Nordost-/Osteuropa vor einem kräftigen Abtropfprozess und ggf. regional vor höheren Niederschlagsmengen stehen könnte. Es muss auch genau verfolgt werden, wieviel dieser Energie in Richtung Mittelmeer abtropft und dort über dem überhitzen Meer für frühherbstliches Ungemach in Form kräftiger Unwetter (ggf. auch die Entwicklung eines tropischen Tiefdruckgebietes) sorgt.
Deutschland scheint bis in die 3. Monatsdekade hinein eher auf der antizyklonal geprägten trockenen Seite zu verbleiben, aber auch hier gilt es die Entwicklung dieser Abtropfprozesse genau im Auge zu behalten. Zudem verbleiben wir (abgesehen vom Südwesten der Republik) auf absehbare Zeit eher auf der kühlen Seite der Keilachse und profitieren vorerst noch nicht von der warmen Luftmasse über Südwesteuropa, sodass zumindest lokal in klaren Nächten leichter Frost in Bodennähe besonders über der Mitte und/oder dem Süden ein Thema werden könnte.
Unterm Strich sorgt die seit längerer Zeit über Nordamerika/dem Nordatlantik vorhandene und nun ostwärts in Richtung Europa verlagernde Strömungskonfiguration in Form einer dualen Jetaufteilung für hohe Zuversicht, dass kommende Woche über Westeuropa eine Blockierung einsetzt, die besonders im Südwesten Europas erneut ungewöhnlich warmes/ teils auch heißes Spätsommerwetter bringt. Uns beschert sie eine rasch zunehmende Unsicherheit der Prognosegüte in die dritte Monatsdekade hinein dank sich brechender Rossby-Wellen und ggf. mehrerer kräftiger Abtropfprozesse über Osteuropa. Bleibt nun also die Vorfreude auf einen (besonders im Südwesten von Deutschland) nochmal sonnenscheinreichen Witterungsabschnitt in der kommenden Woche, allerdings auch mit den Folgeerscheinungen einer teils sehr angespannten Trockenheit und besonders im Südwesten mit einer durchweg erhöhten Waldbrandgefahr.
Dipl.- Met. Helge Tuschy
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 19.09.2026
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