Synoptische Übersicht Kurzfrist

Synoptische Übersicht Kurzfrist

ausgegeben am Mittwoch, den 15.07.2026 um 08 UTC

GWL und markante Wettererscheinungen:
Übergang zu HNz (Hoch Nordmeer zyklonal)

Tagtäglich und nachtnächtlich konvektive Bambule teils bis zum Anschlag - tückisches Höhentief gibt keine Ruhe. Heute vor allem im äußersten Süden erhöhte Unwettergefahr, vor allem, aber nicht ausschließlich durch Großhagel.

Synoptische Entwicklung bis Freitag 24 UTC

Mittwoch... findet die durchaus als perfide zu bezeichnende Wetterlage ihre Fortsetzung. Auf den ersten Blick sieht eigentlich alles ziemlich harmlos aus: dickes und hochreichendes Hoch über der Nordsee bzw. der Norwegischen See (LAURENT), breiter, bis nach Frankreich reichender Potenzialrücken über dem westlichen Mittelmeer. Was soll da groß passieren? Nun, die Antwort ist klar und deutlich - ´ne Menge. Was waren das teilweise für üble Geschütze die vergangenen beiden Tage und Nächte. Starkregen, Großhagel, Hagelansammlungen mit Landschaften wie im Winter, Böen bis Orkanstärke - die Klaviatur konvektiver Begleiterscheinungen wurde in sämtlichen Oktaven in Cis-Moll durchgenudelt. Sehr zum Leidwesen der Betroffenen, aber auch der ganzen Belegschaft vorhersagender Meteorologen und Berater. Keine Frage, es gibt schönere und harmonischere Konzerte, auch wenn Chaser oder Vollwetterfans sicherlich auf Cis-Moll stehen.

Der Grund für die teils schweren Gewitter (in Einzelfällen musste ins höchste Regal, sprich, extremes Unwetter gegriffen werden) mutet zunächst etwas unscheinbar an. Eine relativ kleines Höhentief, "Abfallprodukt" eines Cut-Offs über Skandinavien hatte am Montag den Weg zu uns gefunden und ist dabei auf eine dankbare, weil potenziell instabile Luftmasse mit hohem latenten Energieanteil getroffen. Hinzu kamen noch konfluente Windstrukturen (z.B. durch Küsteneffekte oder Orografie) sowie diverse Wechselwirkungen alter und neuer Systeme, als die Maschinerie erstmal in Gang gekommen war. In der numerischen Mathematik oder theoretischen Physik würde man von einem komplexen, nicht-linearen Gleichungssystem sprechen, das - wie jeder weiß, der mal etwas tiefer in Mathe und Physik eingetaucht ist - mitnichten trivial zu lösen ist. Vor diesem Hintergrund verwundert es dann auch nicht, dass die hochauflösenden Modelle sagen wir eine nicht immer ganz glückliche Figur abgegeben haben, was kein Vorwurf sein soll, sondern reiner Tatbestand. Die Sache soll an dieser Stelle auch gar nicht weiter vertieft werden, das passiert an anderer Stelle. Mitnehmen sollten wir nur, dass wir bei der Entwicklung von heute und der nächsten Tage nicht jede numerisch angebotene Zelle für bare Münze nehmen sollten, was freilich auch für die Begleiterscheinungen gilt. Potenzialabschätzung auch mit den Erfahrungen der letzten Tage und dann ins Nowcasting, so das Mittel der Wahl.

Zur Lage, die unser Höhentief heute Morgen mit Drehzentrum unweit von Berlin sieht (500 hPa), stark elliptisch geformt mit deutlicher Austrogung nach Westen, wo es eine Rinne zu einem weiteren Höhentief westlich der Biskaya "gräbt" bzw. schon "gegraben" hat. Im Tagesverlauf wird die Potenzialrinne über der Nordhälfte des Landes weitgehend unangetastet bleiben, wobei sich das Hauptdrehzentrum ganz langsam gen Westen orientiert. Bodennah zeigt sich das Druckfeld nach wie vor gradientschwach, wobei in der Nordhälfte wenigstens die Struktur "Hochrandlage" erkennbar ist. Dort strömt mit leichtem Wind aus dem Sektor Nord bis Ost mindestens bis zum Mittelgebirgsnordrand eine trockene und vergleichsweise stabile Luftmasse ein, die etwa zwischen 850 hPa und 750 hPa durch eine Inversion gedeckelt ist. Entsprechend tut sich heute nicht allzu viel beim Wetter. Trotz einiger Wolken scheint überwiegend die Sonne bei maximal 25 bis 30°C, direkt an der See bei auflandigem Wind etwas darunter. Erst im Laufe des Nachmittags wird auf der NO-Flanke des Tiefs bzw. der Rinne von Polen her wieder feuchtere Luft angezapft, die zum Abend hin im östlichen BB/Berliner Raum etwas Regen und mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit ein Gewitter bringt.

Deutlich unstrukturierter bis hin zum ausgewachsenen Amorphismus zeigt sich das Druckfeld im Süden, wo nur mit sehr viel Fantasie eine Art Rinne auszumachen ist. Ist letztlich aber auch egal. Wichtiger scheint die Tatsache, dass die vorhandene Luftmasse deutlich feuchter ist als weiter im Norden (PPW um 35 mm, spez. F. teils um 13 g/kg). Potenziell instabil ist sie ebenfalls, außerdem mit DLS bis zu 30 m/s zumindest hochreichend sehr gut geschert und gut überlappt mit der energiereichsten Luft. Auch weiter unten lassen sich beim Betrachten der Hodographen einige nicht unattraktive Krümmungen im unteren Troposphärensegment finden. Fraglich ist nur noch, wie viel Energie bis zum Nachmittag zur Verfügung steht. Aktuell ziehen ja noch einige Gewitter bzw. gewittrige Regenfälle gen Alpen (Starkregengefahr durch Stau an den westlichen Alpen) und es ist stark bewölkt. Später soll es aber auflockern, dass ausreichen solare Strahlung durchkommt, um die Luft energetisch aufzupeppen. Südlich der Donau sowie im südlichen BaWü sollen dabei gebietsweise bis zu 1500 J/kg ML-CAPE generiert werden, während weiter nördlich - auch durch Entrainment trockenerer Luft - ein rascher Energieabfall erkennbar ist.

Kurzum, nach dem Abebben der aktuellen Konvektion im Laufe des Vormittags dauert es vielleicht bis Mittag oder dem frühen Nachmittag, bis wieder gezündelt wird. Zum Teil aus dem Bergland heraus oder initiiert durch regionale Windkonvergenzen oder als Importware aus der benachbarten schweiz-österreichischen Grenzregion entwickeln sich einzelne, aber durchaus knackige und organisierte Superzellen, die als Einzelkämpfer mit Split- und Ausscherpotenzial unterwegs sein dürften. Die Hodographen zeigen z.T. sehr lineare Verläufe, was Zellsplitting forciert. Dabei könnten sogar 1-2 Left-Mover auftreten, was ICON-D2 sogar 1:1 simuliert. Das hauptsächlich betroffene Gebiet soll von Südbaden über Oberschwaben bis nach bayerisch Schwaben reichen (hier wurde eine Vorabinfo ausgegeben), aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste (siehe oben). Die Gewitter sind zunächst mal durch markante Begleiterscheinungen geprägt, dürften aber ganz schnell in die Unwetterkategorie aufsteigen. Starkregen um 30 l/m² innert kurzer Zeit, Großhagel um oder sogar über 5 cm!!, größere Hagelansammlungen (die den Winterdienst auf den Plan rufen) sowie Böen 10 bis 12 Bft wären keine Überraschung - wie gesagt räumlich eng begrenzt, nicht flächig. Über die Donau nach Norden heraus können sich zwar auch einzelne Überentwicklungen bilden, Intensität und Häufigkeit sind aber geringer als weiter südlich.

Vor allem im Westen und Südwesten wird auch heute wieder die 30°C-Marke überschritten (bis 32°C), während sonst 24 bis 30°C auf dem Zettel stehen.

In der Nacht zum Donnerstag nähert sich das Drehzentrum des Höhenstiefs dem Nordwesten des Vorhersageraums. Auf der NO-Flanke wickelt sich von Polen her ein vergleichsweise schmaler Regenstreifen in den Nordosten, in den auch einzelne abgehobene Gewitter eingelagert sein können. Insgesamt besteht aber nur geringe Starkregengefahr, weil die Gewitter west-nordwestwärts ziehen respektive sich der Regenstreifen in Richtung SH verlagert. Deswegen geht unser Blick rasch in den Süden, wo die abendlichen Gewitter weiter gen Osten ziehen und dabei zunehmend Verclusterungsallüren mit lokalem Starkregenpotenzial zeigen. Gleichwohl, gerade in Ostbayern können bis weit in die Nacht auch noch ein paar Einzelzellen unterwegs sein und bei der Bewertung der Begleitparameter sollte man nach den jüngsten Erfahrungen vorsichtig sein (von wegen nächtliche Abschwächung und so). Fraglich ist derzeit noch, ob in Nachthälfte zwei ein größerer Gewittercluster der Marke MCS von der Schweiz und dem französischen Jura auf den Süden BaWüs sowie das südwestliche Bayern übergreift, wie es die ICON-Kette favorisiert. Externe Modelle sind da deutlich zurückhaltender, also Abwarten und Tee trinken.

Zwischen den Wetterzonen im Nordosten und Süden passiert nix, häufig klart es auf. Tiefsttemperatur landesweit 19 bis 10°C.

Donnerstag... verlagert sich das Zentrum des Höhentiefs bis zum Abend raus auf die Nordsee, wobei die Westfriesischen Inseln wohl den Vorzug vor den Ostfriesischen Inseln bekommen. Um das Tief herum laufen in der Höhe schwache Advektionsprozesse ab, die das Wetter am Laufen halten. Bodennah bleibt die Angelegenheit extrem gradientarm. Es sind aber klare Tendenzen erkennbar, dass sich der Schwerpunkt des Hochs mehr und mehr ins Seegebiet südlich Islands zurückzieht, was nicht ganz unwichtig für die Entwicklung der nächsten Tage ist (Stichwort Wetter- und Luftmassenwechsel). Grob gesprochen stellen sich bei uns morgen bei aller noch gebotenen Prognoseunsicherheit zwei Aktivzonen ein: eine im Norden, die andere im Südwesten/südliche Mitte.

Fangen wir im Norden an, wo zunächst mal die Reste der nächtlichen Aktivität in Richtung Nordsee/nördliches NDS ziehen. Dabei sind am Morgen und am Vormittag durchaus vereinzelte elektrische Entladungen vorstellbar. Insgesamt sollte die Szenerie aber noch vergleichsweise beschaulich daherkommen. Zum Nachmittag hin könnten in der dann energetisch etwas günstigeren Luftmasse (viel CAPE steht nicht zur Verfügung, aber es reicht) aber doch ein paar promintente Überentwicklungen nach oben schießen. In der Basis markant, vor allem wegen Starkregen (langsam ziehende Einzelzellen), vereinzeltes WU ebenfalls wegen Starkregen nicht ausgeschlossen.

Weiter südlich, wir nennen es mal die nördliche Mitte mit aller in der Vorhersagemeteorologie gerne genommenen Unschärfe, wo genau die Grenzen der nördlichen Mitte denn liegen, präsentiert sich das Wetter weitgehend inaktiv mit viel Sonnenschein, ein paar flachen Quellungen oder Cirren und einer sehr geringen Schauer-/Gewitterneigung (am ehesten noch im Erzgebirgsraum). Zu trocken die Luft, keine oder kaum Antriebe, da dürfte nicht viel gehen. Noch weiter südlich, also grob vom zentralen Mittelgebirgsraum abwärts, sieht´s dann schon wieder anders aus, was vor allem dem höheren Wasserdampfgehalt der Luftmasse geschuldet ist. Zunächst mal gilt es ganz im Süden die Reste des nächtlichen Clusters abzuwickeln, sofern er denn überhaupt auftritt. Später entwickeln sich dann wieder vermehrt kräftige Zellen, wobei sich gegenüber heute eine etwas nach Norden versetzte Zone herauszukristallisieren scheint (grob zwischen Donau und Main/Mosel). Auch dabei werden ziemlich sicher wieder Superzellen und Unwetter auftreten, allerdings ist der Energiegehalt der Luft gerade nach Norden hin kleiner als heute (zumindest ML-CAPE, die MU-Werte bleiben sehr hoch) und auch die Überlappung der Zutaten (z.B. zur Scherung) ist nicht mehr ganz so gut. Also, die Wahrscheinlichkeit für ganz großen Hagel und ganz fette Böen (10-12 Bft) geht rein aus konzeptionellen Überlegungen heraus etwas nach unten, nichtsdestotrotz gilt auch hier das alte Sprichwort "Vorsicht ist die Mutter...", zumal ICON-D2-EPS z.B. mehr Böen 10 Bft simuliert als heute. Es wäre jedenfalls keine große Überraschung, wenn auch morgen wieder eine Vorabinfo ausgegeben wird. Nix Genaues weiß man nicht, was übrigens auch für die Regionen südlich der Donau gilt, die morgen sehr passiv von der Numerik behandelt werden. Möglicherweise sorgt die aufkommende südwestliche Höhenströmung und damit verbundene Überströmung der Alpen für eine vertikale Abtrocknung und damit Dämpfung des konvektiven Geschehens.

Thermisch gibt es noch mal ein Aufbegehren der Hitze mit verbreitet Höchstwerten um oder über 30°C (bis 33°C). Einzig im Norden geht´s nicht ganz so hoch, in Küstennähe sogar unter 25°C.

In der Nacht zum Freitag beruhigt sich das Wetter keinesfalls und die Prognosen werden immer unschärfer. So soll sich auf der SO-Flanke des quasistationären Höhentiefs ein kleines Bodentief über NW-Deutschland bilden, das am Freitag Frontogenese induziert. Die Auswirkungen in der Nacht sind noch unsicher, aber einzelne Schauer und Gewitter sind schon möglich im Norden und Nordwesten. Von der Mitte ab südwärts muss ebenfalls mit weiteren Gewittern gerechnet werden, wobei ganz im Süden/Südwesten von Frankreich und der Schweiz her möglicherweise ein neuer MCS den Weg zu uns findet. Vor allem SuperHD haut mal richtig einen raus mit Orkanböen und allen Schikanaten - ruhige Nächte sehen anders aus, wobei sich numerisch sicherlich noch einiges tut bis dahin. Tiefstwerte 20 bis 14°C.

Freitag... wird der nächste unruhige Tag, so viel lässt sich schon mal sagen. Ansonsten bleiben noch einige Fragen offen, weshalb die Beschreibung hier nur in Kurzform und recht allgemein erfolgt. Das Höhentief erzeugt bei uns eine hebungsfreundliche, diffluent konturierte südwestliche Höhenströmung, die auf eine labile und sehr feuchte (PPW bis 40 mm) trifft. Dazu kommt das kleine Bodentief, das über Norddeutschland ostwärts zieht. Sieht man mal vom Westen (NRW/südliches NDS) ab, wo südlich des Kerns trockene und stabilere Luft von Westen bzw. von oben eingemischt wird, muss quasi im ganze Land mit teils kräftigen Gewittern bis hin zu Unwettern gerechnet werden. Die Gefahr von "Wasserbomben" nimmt wieder zu, das Potenzial extremen Starkregens ist zumindest lokal gegeben, vor allem im Norden. Wie es ansonsten um die Begleitparameter bestellt ist, wie wo wann, dazu in den nächsten Übersichten mehr. Fakt ist, dass es nicht mehr so heiß wird, die Spanne der Höchstwerte dürfte sich zwischen 24 und 29°C einstellen (allerdings teils sehr schwül), direkt am Meer weniger.

Modellvergleich und -einschätzung

Während die Grundmuster modellübergreifend sehr ähnlich gerechnet werden, gilt das bei den Auswirkungen mitnichten. Das meiste davon wurde oben angesprochen. Wir dürfen sehr gespannt sein auf die nächsten Tage und Nächte, weitere Schlagzeilen aus der Kategorie "Wetter" sind gewiss.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann