Synoptische Übersicht Kurzfrist
Synoptische Übersicht Kurzfrist
ausgegeben am Montag, den 08.06.2026 um 18 UTC
SCHLAGZEILE:
Wechselhafte Trograndlage - ROSI lässt grüßen.
Synoptische Entwicklung bis Mittwoch 06 UTC
Aktuell ... gerät Deutschland mehr und mehr in die Fänge von ROSI, einem mehrkernigen Tiefdruckgebiet mit Hauptdrehzentrum (knapp unter 995 hPa) dicht bei Island. ROSI interagiert mit einem wuchtigen Potenzialtrog, dessen diffluente Vorderseite den Vorhersageraum bereits erfasst hat, der sich in den nächsten Stunden aber noch weiter südostwärts ausweitet. Dabei lassen sich zwei Niederschlagsgebiete ausmachen, die uns in der kommenden Nacht beschäftigen. Da wäre zum einen ein skalig anmutendes Regengebiet, das am Nachmittag von Ostfrankreich her den Südwesten erfasst hat. Auf der Suche nach dem Grund für diesen Regen tut man sich etwas schwer und wird nicht sofort fündig. Neben dem Antrieb aus der diffluenten Vorderseite spielt offensichtlich auch ein flacher Bodentrog eine gewisse Rolle, der nur via Feinanalyse detektiert werden kann. Während auf der "kalten" Seite, also auf der Rückseite des Troges "normaler" Regen auftritt, haben sich auf der Vorderseite mit Hilfe der Orografie einzelne, teils markante Gewitter entwickelt (zuerst im Schweizer Jura, inzwischen auch im Süden BaWüs). Niederschlag und Gewitter breiten sich in den nächsten Stunden über den Süden ostwärts aus, wobei die Gewitterwahrscheinlichkeit später wieder abnimmt. Dann kann es gebietsweise zwar ganz ordentlich plästern (teils mehr als 10 l/m²). Die Starkregengefahr ist aber gering, auch wenn es seitens ICON-D2-EPS ein paar Hinweise für die zweite Nachthälfte im Allgäu gibt. Fakt ist, dass in den Abendstunden eine cold-pool-dominante Druckwelle den Süden von West nach Ost passiert. Zwar schwächt sie sich dabei immer weiter ab, trotzdem frischt der auf westliche Richtungen drehende Wind mitunter stark böig auf, was mit der Ausgabe einer kleinen Windwarnung gewürdigt wurde (Böen 7 Bft, exponiert/Schauernähe 8 Bft).
Baustelle #2 befindet sich weiter westlich, wo sich ein schauerartig verstärktes Regenband formiert hat, das mit hoher Wahrscheinlichkeit die Kaltfront von ROSI markiert. Erste vorlaufende Schauer erreichen in den frühen Abendstunden den Westen, bevor nicht wesentlich später Front und Regenband folgen, um sich unter allmählicher Abschwächung über den Norden und die Mitte ostwärts zu verlagern. Auch hier können einzelne Gewitter ein- oder vorgelagert sein (siehe durchbrochene Linie Belgien/Niederlande). Für die ganz große Ballerei wird´s wohl nicht reichen, was verschiedene Gründe hat. Zum einen konnte die präfrontale Luftmasse aufgrund der stratiformen Bewölkung des vorlaufenden Systems und somit limitierter Einstrahlung nur sehr eingeschränkt energetisch aufbereitet werden (wenig CAPE). Zweitens ist die Überlappung von Labilität und Feuchte (und Scherung) alles andere als optimal. So laufen die höchsten Lapse-Rates der Feuchteflusskonvergenz und den beachtlich steigenden Scherwerten deutlich voraus, was das konvektive Potenzial der Luftmasse gewaltig einschränkt. Auch die Tatsache, dass die trogvorderseitigen PVA-Maxima von kräftiger KLA konkurrierend bearbeitet werden, ist der dynamischen Hebungsmaschinerie wenig zuträglich. Besser wird´s in der Nacht nicht, kommt doch dann noch die Stabilisierung der Grundschicht dazu. Nichtsdestotrotz, im Fall der Fälle können die Gewitter durchaus markanten Kriterien genügen, sprich, von Starkregen zwischen 15 und 20 l/m²innert kurzer Zeit, kleinem Hagel und Böen bis Stärke 8 Bft eskortiert werden.
Ansonsten bliebe nur noch festzuhalten, dass rückseitig der nach Süden zurückhängenden Kaltfront ein Schwall maritimer Polarluft (mP) vor allem in den Norden und Westen einströmt (Rückgang T850 auf Werte um 3°C). Da gleichzeitig im Nordwesten Höhenkaltluft einsickert (T500 um -23°C), sind dort gerade in Nordseenähe bis in die Morgenstunden einzelne Schauer und Gewitter (gelb) möglich.
Dienstag ... lässt sich Deutschland guten Gewissens in drei Wetterzonen einteilen. Federführend dabei die beiden ROSIs, sprich, Mutter ROSI I, die von Island einfach nicht loslassen kann und Tochter ROSI II, die aus einem Teiltief hervorgegangen ist und am Mittag über dem Westen Norwegens thront. Ausgehend von ROSI I erstreckt sich nach wie vor der korrespondierende Potenzialtrog bis nach Mitteleuropa, wo er uns eine zyklonal konturierte südwestliche Höhenströmung serviert. Ergänzt wird das Setup durch die o.e. Kaltfront, die im Grunde schon durch ist, im Süden allerdings deutlich zurückhängt. Und zu guter Letzt - wieder mal, möchte man sagen - ein von Frankreich bis in die Südhälfte vorstoßender Azorenhochkeil.
Die Zonen im Einzelnen von "oben nach unten":
#1 Norddeutschland, wo die einfließende maritime Polarluft am labilsten ist und durch den Tagesgang aktiviert wird. Bedingt durch den vergleichsweise geringen Wasserdampfgehalt (PPW 15 bis max. 20 mm) steht zwar nicht allzu viel CAPE zur Verfügung (MU stellenweise immerhin um 500 hPa). Es reicht aber, um bei klassisch wechselnder Bewölkung zahlreiche Schauer und einzelne Gewitter entstehen zu lassen. Letztere treten meist als pulsierende Einzelzellen auf, die hier und da vielleicht mal zu einer kleinen Multizelle verschmelzen. Gespielt wird in Liga 4 oder 3 (gelb oder ocker), wobei neben Starkregen > 15 l/m² (trotz Zug) auch kleiner Hagel sowie Böen bis 8 Bft nicht ausgeschlossen sind. Während der westliche Wind aus dem Gradienten heraus kaum in der Lage sein sollte, warnwürdige Akzente zu setzen, gelingt das in Schauer- und Gewitternähe sehr wohl (7-8 Bft). Höchsttemperatur 16 bis 21°C, wobei es im östlichen Norddeutschland milder ist als im westlichen.
#2 Mittelstreifen (südliches NRW/RP/Saarland +/- bis hinüber nach BB/Berlin +/-), wo die Labilität schwächer ausgeprägt ist und sich zudem ein Trockeneinschub bemerkbar macht (Rückgang PPW auf unter 15 mm, spez. Grundschichtfeuchte z.T. auf unter 5 g/kg). Im Verbund mit dem o.e. Hochkeil reicht das zwar nicht, um Quellwolken aus der labilen Grundschicht heraus zu unterbinden. Es reicht aber, um dem Tag weitgehend trocken zu gestalten. Vereinzelte Schauer entwickeln sich am ehesten nach Osten hin, wo die Inversion bei rund 650 hPa liegt und schwächer ausgeprägt ist als im Westen, wo bei 750 bis 700 hPa die Decke eingezogen wird. 17 bis 22°C mit den höheren Werten im Osten, in den Mittelgebirgen kühler.
#3 Süden/Südosten, wo die Luftmasse am stabilsten, aber auch am feuchtesten ist. Angefacht durch den Trog, genauer, dessen Vorderseite kommt es auf der kalten Seite der Front (Anacharakter) zu teils länger andauernden Regenfällen, die sich im Tagesverlauf zum Alpenrand, ins südliche Alpenvorland sowie nach SO-Bayern zurückziehen. Akkumuliert über den Tag kommen vornehmlich südlich der Donau gebietsweise 5 bis 10, lokal bis 15 l/m² zusammen, wobei die Modelle diesbezüglich noch divergieren. Einzelne Gewitter sind nicht gänzlich ausgeschlossen, drängen sich mangels ausreichend Labilität aber auch nicht gerade auf. 14 bis 20°C.
In der Nacht zum Mittwoch ändert sich gar nicht mal so viel an der Gesamtkonstellation. Das auffälligste ist die beginnende Amplifizierung des Troges über Benelux und Frankreich, die eine erhöhte Advektion zyklonaler Krümmungsvorticity zur Folge hat. Im Wesentlichen verpufft dieser Effekt mit Ausnahme der Gebiete südlich der Donau, wo die nicht weit entfernte Front eine Frischzellenkur verpasst bekommt. Als Reaktion darauf nimmt die Intensität der Regenfälle wieder zu, was am Alpenrand sowie im südlichen Vorland bis zu 15, lokal vielleicht sogar 20 l/m² innert 12 h bringen kann. Es sei aber darauf hingewiesen, dass die Modelloutputs noch recht unterschiedlich ausfallen mit einzelnen Lösungen, die weit defensiver aufgestellt sind (z.B. AROME). Vor dem Hintergrund weiterer Regenfälle am Mittwoch bis in die Nacht zum Donnerstag hinein sowie ausreichender Signale in den EPS-Vorhersagen wurde zwischen Werdenfelser und Berchtesgadener Land eine 42-stündige markante Dauerregenwarnung (mit Unterbrechungen bzw. Schwächephasen) über 40 bis 60 l/m² geschaltet.
Darüber hinaus gilt es zu konstatieren, dass der Tagesgang das konvektive Geschehen zwar zurückschraubt, aber nicht gänzlich zum Erliegen bringt. Vor allem nach Nordwesten hin muss noch mit Schauern und einzelnen Gewittern gerechnet werden - je näher an der Nordsee, desto mehr davon.
Tiefstwerte 11 bis 6°C in den Mittelgebirgen in längeren Aufklarungsphasen noch etwas darunter.
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Synoptische Entwicklung bis Donnerstag 06 UTC
Mittwoch ... im äußersten Süden und Südosten weitere stratiforme Regenfälle, sonst wechselhafte Troglage mit Schauern und kurzen Gewittern. Mäßig warm, bei Dauerregen kühl. Details hierzu siehe Übersicht von heute früh oder warte auf morgen früh.
Modellvergleich und -einschätzung
Die Entwicklung der Großwetterlage als solche ist unstrittig. Wie so oft steckt der Teufel im Detail. Das betrifft zum einen die Konvektion, die insgesamt aber recht glimpflich abzulaufen scheint. Und es betrifft die Regenfälle im äußersten Süden, die auch nicht gerade unisono gerechnet werden, zumindest was die Intensität und die Mengen angeht. Die Hinweise der Numerik sind aber ausreichend, um die ausgegeben Dauerregenwarnung zu rechtfertigen.
Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann
Synoptische Übersicht Mittelfrist
Synoptische Übersicht Mittelfrist
ausgegeben am Montag, den 08.06.2026 um 10.30 UTC
Nach einem kühlen bis mäßig warmen und wechselhaften Beginn im Verlauf der Mittelfrist von Südwesten Erwärmung auf ein sommerliches Temperaturniveau. Zögernde Stabilisierung.
Synoptische Entwicklung bis zum Montag, den 15.06.2026
Es ist mal wieder Zeit, sich der Mittelfrist zuzuwenden, die sich vom Donnerstag, den 11. Juni bis zum kommenden Montag, den 15. Juni erstreckt. Bevor wir uns aber diesen Zeitraum genauer anschauen, soll noch ein Blick auf die letzte Telekonnektions-Analyse vom 17. Mai geworfen werden, der eine für Teile Westeuropas teils historische Hitzewelle folgte. Kann man Ursachen ableiten, die zu dieser Hitzeperiode geführt haben und kann man dies vielleicht auch auf die aktuelle Mittelfrist anwenden? Zusätzlich erfolgt noch ein kurzes Update der ENSO.
Wer diesen Bereich der Analyse auslassen möchte, kann gerne direkt bis zum Abschnitt "AKTUELLE MITTELFRIST" springen.
Gehen wir nun aber einen Schritt zurück und zwar zur Mittelfrist vom 17. Mai. Kurz zur Erinnerung: Nach einer zyklonal geprägten Witterung mit alpinem Neuschnee sollte sich im weiteren Verlauf ein Keil in Richtung West-/Mitteleuropa ausbilden. Allerdings wurde auch ein Kaltlufttropfen bis dato sehr volatil bezüglich seiner Verlagerung berechnet, teils sich über Deutschland festsetzend, jedoch mit nur geringer Unterstützung im Ensemble. Daher erging in der damals (17. Mai) verfassten Mittelfrist das folgende Fazit: "[...] eine schwül-warme und unbeständige Witterung mit Schauern/Gewittern [...]. Diese Entwicklung steht aber, wie bereits erwähnt, auf sehr wackeligen Beinen und hängt von der Zugbahn des Kaltlufttropfens ab." Sowie der Erkenntnis, dass "Ohne den
Kaltlufttropfen [...] eine durchgreifende Erwärmung bis in den Osten der Republik denkbar [wäre]."
Was dann aber in den kommenden 48h folgte, war zumindest beim Kontrolllauf des IFS eine Variabilität der Extraklasse.
Als Beispiel dient Frankfurt am Main mit Blick auf den damals in der Mittelfrist anstehenden Pfingstsonntag. Der am 17. Mai 00z initiierte IFS-Lauf lag beim Tmax im IFS-ENS noch unterhalb des Interdezilbereichs (Tmax um oder etwas unter 20 Grad). Keine 24h später (18. Mai, 00Z initiiert) sprang dieser für den Sonntag knapp über den Interdezilbereich des ENS (nun um 30 Grad zeigend), um 24h später erneut darunter zu liegen (dann um 24 Grad). Der Median des IFS-ENS wurde zwischen den Berechnungen vom 17. und 18. Mai für Pfingstsonntag ebenfalls um 5-6 Kelvin angehoben, was eine beachtliche Schwankung darstellt. Natürlich lässt sich diese Variabilität der Numerik mit Blick auf die unsichere Verlagerung eines Kaltlufttropfens erklären, doch gab es auch abseits dessen Wirkungsfeldes enorme Anpassungen über West-/Nordwesteuropa. Die EFI 2m Temperatur (Maximum) weitete sich innerhalb dieses Zeitraums rasant und letztendlich auch nachhaltig aus mit einer deutlichen Erhöhung der EFI Werte.
Die Frage, die sich einem stellt ist nun die, wieso es in der Folge zu dieser Entwicklung kam, die in West-/Nordwesteuropa in eine teils historische Hitzewelle mündete?
Um uns dies näher anzuschauen wird die Information aus der "eddy kinetic energy" Gleichung verwendet, die u.a. in Form zonaler Wellenflüsse die Gruppengeschwindigkeit der Rossbywellen (und deren Verlagerung) hervorhebt. Erfolgt ein Konvergieren dieser Energieflüsse, so weiten sich entsprechende Wellenamplituden weiter aus, während stromauf die Wellen an Energie/Amplitude einbüßen.
Diese Flüsse waren bis zum und vor dem 17. Mai einerseits schwache zonal nach Mitteleuropa ausgerichtete (ergo: wechselhafte Witterung mit wiederholter Regenerierung eines Langwellentroges über Mitteleuropa). Andererseits erfolgte jedoch dominant eine Ausrichtung der Flüsse in Richtung des subtropischen Nordatlantiks/Nordafrika, wo eine kräftige hochreichende/warme Antizyklone gestützt wurde.
In der Folge (zum 17./18. Mai) kam es dann jedoch zu einem kompletten Zusammenbruch dieser Flüsse mit einer Neuausrichtung der Vektoren. Diese Entwicklung genau zu beschreiben würde den Rahmen der Mittelfrist deutlich sprengen, doch wurde östlich von Australien ein Rossbywellenzug initiiert, der sich in der Folge cross-äquatorial über den (durch eine MJO und Kelvinwellenpassage) konvektionsreichen Ostpazifik ausgeweitet hat und von dort entlang eines dominanten wave guide entlang der Ostküste der USA in Richtung Nordatlantik geführt wurde. Hier richteten sich die Vektoren der zonalen Energieflüsse fokussiert und mit hohen Absolutwerten in die sich stetig kräftigende Antizyklone über Mittel-/Westeuropa (der klassische "traffic jam" Effekt vor der Bildung einer blockierenden Antizyklone). Diese Entwicklung entspricht u.a. dem pazifischen Pfad, wobei die Konfiguration ihre Hochzeit um den 26/27. Mai hatte, bevor sich die Flüsse in der Folge stetig abschwächten, was auch ein Abebben der Blockierungstendenz unserer Antizyklone zur Folge hatte.
Von daher griffen folgende Mechanismen, die sich gegenseitig in vergleichsweise kurzer Zeit gegenseitig aufschaukelten.
Die fokussierte zonale Wellenflusskonvergenz in die antizyklonal verformte Welle über Westeuropa sorgt für ein quasi-stationäres Verhalten dieser Antizyklone. In diese Antizyklone wurde nun die sehr PV-arme Luftmasse der bis dahin gestützten Antizyklone über Nordafrika advehiert. Diese Advektion fiel wegen des sich nicht manifestierenden Kaltlufttropfens letztendlich äußerst effektiv aus, wobei die negative PV Advektion nicht nur die Welle weiter amplifizieren konnte, sondern auch für ein zunehmend stationäres Wellenmuster führte - hier also sowohl durch externe Wellenenergie, als auch durch PV-Advektion von Nordafrika hervorgerufen, die beide Hand in Hand gingen.
Zuletzt erfolgt am Westrand der Antizyklone dank eines regen und amplifizierten Jets beständig Advektion von hohen Absolutwerten an feuchter statischer Energie (u.a. auch in Form hoher PWT Anomalien) in die Nordflanke der Antizyklone, was unter dem Strich für die diabatische Entwicklung des Höhenrückens gut war: feucht/warme Luftmassen in der Höhe stärken die Schichtdicke innerhalb der mittleren Troposphäre mit dem mittlerweile allseits bekannten "heatdome " Effekt in Form beständigem Absinkens/Abtrocknens/Verdunstens. Der genannte cross-äquatoriale Wellenzug konnte jedoch nur kurz aufrechterhalten werden und wich einem neuen Energiefluss, der von einer blockierenden Antizyklone über Kanada eintraf.
Was sagt uns das nun? Zum einen kam sehr viel für die Entwicklung dieser Hitzewelle zusammen, was innerhalb der Numerik zu großen Problemen führte, die das "Aufschaukeln" bis hin zu Rekordwerden bei Schichtdicke und Geopotenzialfläche ermöglichte. Da das ENS recht stabil auf die Blockierung hinwies, lag das Eskalieren der Entwicklung weniger in den nicht erkannten neuen Pfaden der Wellenflüsse, sondern wohl in der unsicheren Handhabe des Kaltlufttropfens, dessen Abstinenz unter dem Strich das Zusammentreffen aller Faktoren für das "Überperformen" ermöglichte.
Diese Entwicklung hob aber auch schön hervor, wieso wir die Entwicklung der ENSO aktuell so genau verfolgen, denn eben diese weit südlich in (sub) tropischen Gefilden ansetzenden Wellenflüsse sind es, die mit Neuausrichtung durch die sich entwickelnde warme Phase der ENSO für ein Abschwächung des Zonaljets und einem stagnierenden Verhalten der Wellen gut sein können.
Mit dem sich entwickelnden El Nino und der Atmosphäre/Ozeankopplung wird dann der beschriebene Pfad vom Pazifik interessant, der bis jetzt eher nur temporär durch Kelvinwellen/MJO Passagen konvektiv aktiviert wurde/wird (Vergleich der Entwicklung des Geschwindigkeitspotenzials in 200 hPa). Mit dem einsetzenden El Nino wird dieser Pfad dann allerdings nicht temporär, sondern konstant aktiviert, was z.B. in aktuellen Hovmöller-Diagrammen des Geschwindigkeitspotenzials für Juli bereits zu erkennen ist. In der Folge wirkt sich der Einfluss des El Nino auch auf den tropischen Nordatlantik aus, deren zunehmende Wasseroberflächentemperatur durch Störung der Walker Zirkulation in agile Konvektion und letztendlich in einen sommerlichen Rossbywellenzug in Richtung Nordatlantik/Europa münden kann. Dies hat jedoch einen solchen Zeitversatz, dass das wohl eher erst Ende 2026 und dann 2027 von Interesse wird (siehe IFS-ENS Vorhersage im tropischen Nordatlantik).
Früher hingegen wird der pazifische Pfad von Interesse, sollte sich zum Juli die anhaltende Konvektion etablieren, was in Saisonalvorhersagen vom IFS-ENS und den C3S Multi-Systemvorhersagen in augenscheinlich recht blockierungsfreudigen Bedingungen mündet (Juli-September mit positiven Temperaturabweichungen und zu trockenen Verhältnissen).
Die jüngste ENSO Vorhersage bestätigt die Trendaussage vom 17. Mai, wenngleich die Vorhersage sogar noch etwas aggressiver geworden ist. Es stehen auf jeden Fall (globaler Blick) spannende und wohl leider in den entsprechenden Regionen auch "impact"-reiche Zeiten bevor.
Doch was nehmen wir von all dem für unsere aktuelle Mittefrist mit?
Im kanadisch/nordatlantischen/europäischen Sektor ist während der nun anstehenden Mittelfrist mit einer deutlichen Abnahme der Rossbywellenverlagerung auszugehen bis hin zu einem quasi-stationären bzw. gar retrograden Verhalten der Tröge.
Worauf springen die Modelle wie das IFS an? Der Versuch einer Erklärung ist die Passage einer mäßigen MJO in Richtung Ostpazifik (derweil drei tropische Systeme im Pazifik initiierend), die die konvektive Aktivität im östlichen Bereich des Pazifiks nun deutlich erhöht hat mit einer Zunahme rotationsfreier (rein divergenter) Höhenwinde, mit deren Hilfe sich in der Folge ggf. ein Rossbywellenzug etablieren kann. Zusätzlich scheint sich über den Golf von Mexiko/Amerika in Richtung Nordatlantik ein günstiger wave guide zu etablieren. Dies würde in der Folge den Polarfrontjet abschwächen und mäandrieren lassen, während beim Phasing der Jets der Ast des Subtropenjets forciert wird. Unsicher ist noch, wie stark diese Wellenflüsse konvergieren und ob diese ggf. in eine Antizyklone gerichtet sind. Zusätzlich könnte diesem quasi-stationären Verhalten der Rossbywellen eine Amplitudenverkürzung doch noch etwas Progressivität entgegenbringen und es ist eher abzusehen, dass dieser Wellenzug erneut nur von kurzer Dauer sein dürfte (im Hovmöller Diagramm des Geschwindigkeitspotenzial in 200 hPa bereits vor der Monatsmitte nachlassend). Zudem fällt der Troganteil über dem Nordatlantik im Vergleich zum Mai schwächer aus und auch die reine negative PV Advektion von Nordafrika ist unsicher/fällt schwächer aus (wird im aktuellen IFS-Lauf in der erweiterten Mittelfrist jedoch mittlerweile angedeutet).
Somit erscheint aktuell eher eine stetige Zunahme des Geopotenzials über Süd-/Südwesteuropa am wahrscheinlichsten, wobei wir am Nordrand gelegen eher von kurzwelligen Anteilen touchiert werden. Dabei ist noch unsicher, wieviel Energie jeweils in die flankierenden Langwellentröge gebracht wird, was später bei der Clusteranalyse ebenfalls hervorgehoben wird. Das Potenzial für eine längere Hitzewelle nach der Monatsmitte ist besonders für Südwest- und wohl auch Westeuropa gegeben mit noch größeren Unsicherheiten, wie stark auch wir davon betroffen sein werden. Die Streuung der Modelle inklusive Ensembleverfahren ist dahingehend leider noch zu groß. Diese Entwicklung würde zur Monatsmitte und somit zum Ende dieser Mittelfrist greifen.
Bis dahin starten wir aber noch mit einem PNA(-) induzierten Wellenzug von Kanada kommend, der uns nochmal mit einem Schwung von Energie versorgt und einen Trog über uns nach Osten drückt.
AKTUELLE MITTELFRIST:
Somit wird am Donnerstag, dem Start der Mittelfrist, ein Langwellentrog ostwärts über Deutschland geführt, der mit einer höhenkalten Luftmasse von unter -25 Grad in H5 und mäßiger Feuchte für einen wechselhaften Einstieg in die Mittelfrist gut ist. Besonders im Norden, über die Mitte bis in den Osten herrscht rege Schauer- und Gewittertätigkeit, gepaart mit teils größeren Sonnenfenstern. Überregional sieht es eher nach pulsierender Kaltluftkonvektion aus mit Graupel/kleinem Hagel und einigen stürmischen Böen (Bft 8) aus West (Warnfarbe "gelb" bis lokal "ocker").
Rückseitig des Troges stellt sich eine leicht flatternde west-/nordwestliche Höhenströmung ein, in der wiederholt Fronten/Wellen den Norden/Osten und anfangs auch die Mitte passieren. Dabei regnet es am Freitag im Norden nennenswert mit 10 bis lokal 20 l/qm/24h, bevor dort die Niederschlagsintensität bis Sonntag auf die Fläche gesehen sukzessive nachlässt. Zwischen den Front-/Wellenpassagen gibt es aber auch immer wieder längere trockene Abschnitte. Eine feinere Unterscheidung beim Wetterablauf macht aktuell noch wenig Sinn dank der im Verlauf der Mittelfrist zunehmenden Modelldiskrepanz. Im Südwesten würde hingegen hoher Luftdruck für eine überwiegend stabile Mittelfrist gut sein. Zum Montag steigt das Geopotenzial von Südwesten weiter an und abseits von Konvektion entlang der Orografie/im Alpenvorland wäre es somit ein meist trockener und freundlicher bzw. sonniger Wochenbeginn.
Die Maxima liegen zum Beginn der Mittelfrist im kühlen bis mäßig warmen Bereich (13 bis 20 Grad) und steigen Tag für Tag von Südwesten auf sommerliche Werte an. Ab Sonntag sind den Oberrhein entlang auch hier und da Maxima um 30 Grad zu erwarten, wobei noch unsicher ist, wie verbreitet die Hitzemarke "gerissen" wird. Im Norden und Nordosten könnte sich die Wärme jedoch schwer tun mit Maxima unterhalb der Sommermarke, was aber letztendlich von der Lage der Keilachse und der Anströmung abhängt.
Die Minima liegen anfangs zwischen 12 und 6 Grad, im Bergland teils um 4 Grad, fallen jedoch bis zum Ende der Mittelfrist immer milder aus (Nacht zum Dienstag 16 bis 11 Grad).
Der küstennah von Südwest auf Nordwest drehende Wind frischt von Freitag bis Sonntag zeitweise böig auf, wobei die Windspitzen von der genauen Zugbahn der Wellen und Fronten abhängen. Ansonsten weht ein mäßiger bis frischer, im Südwesten im Verlauf eher schwache bis mäßige Wind aus West bis Nordwest.
In der erweiterten Mittelfrist bleibt es dann sommerlich bis hochsommerlich warm, im Süden bis zur Mitte teils auch heiß mit einem eher geringen Schauer- und Gewitterrisiko, das jedoch von der finalen Lage der Keilachse, der Schichtdicke und dem Feuchtegehalt der in den Keil herangeführten Luftmasse abhängt.
Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs
Betrachtet man die letzten 4 Modellläufe von IFS, dann ergibt sich eine zögernde Anpassung an eine weniger amplifizierte Grundströmung. Dabei erfolgt eingangs der Mittelfrist (am Mittwoch) eine Trogpassage ostwärts, bevor sich nachfolgend sukzessive höheres Geopotenzial von Westen in Deutschland durchsetzt. Besonders über dem Norden und Osten der Republik werden bis weit in die Mittelfrist (aktuell bis einschließlich Sonntag) Frontpassagen erwartet, die sich jedoch bezüglich ihrer Wetterwirksamkeit immer weiter abschwächen. Zum kommenden Wochenende breitet sich von Südwesten sommerliche Wärme nordostwärts aus, wobei ab Sonntag den Oberrhein entlang auch hier und da Maxima um 30 Grad zu erwarten sind.
Vergleich mit anderen globalen Modellen
Beim Blick auf die anderen Globalmodelle ergeben sich für Donnerstag und Freitag keine gröberen Diskrepanzen. GFS, IFS und UK10 bringen den Trog recht einheitlich bis Freitag in Richtung Baltikum, nur ICON belässt diesen westlicher (von Polen bis nach Südosteuropa reichend).
Die nachfolgende Zonalisierung wird zwar von der Mehrheit der Modelle mitgetragen, fällt jedoch das Wochenende über recht variabel aus, wobei UK10 sehr zyklonal geprägt daherkommt, während GFS schon recht antizyklonal aufgestellt ist. ICON hingegen möchte davon wenig wissen und spannt einen kräftigen Keil nach Deutschland auf, was eine raschere Stabilisierung und Erwärmung von Westen zur Folge hätte.
In der Folge nehmen die Unsicherheiten weiter zu mit über 1000 km zonalem Unterschied bei der Platzierung der Keilachse zwischen ICON und IFS (Montag 12Z). ICON hat diese östliche Lage der Keilachse nun im jüngsten Lauf neu im Angebot, doch auch die anderen Modelle glänzen modellintern nicht mit der besten Konsistenz. Es wird wohl mit weiteren Anpassungen zu rechnen sein bis geklärt ist, wie die jeweiligen Tröge/Keile jeweils gestützt werden.
Bewertung der Ensemblevorhersagen
Die Clusteranalyse beginnt die Mittelfrist gleich einmal mit maximaler Clusteranzahl, wobei die 6 Cluster auch unterschiedliche klimatologische Regimes aufweisen (3 Cluster mit positiver NAO gegen 2 blockierende Cluster und einmal einem Rücken über dem Nordatlantik). Für diesen Vorhersagezeitraum in der Mittelfrist ergeben sich noch beachtliche Diskrepanzen bei der Frage, wie weit und mit welcher Amplitude der Trog über Mittel- nach Osteuropa geführt wird und wie weit polwärts ausgreifend eine blockierende Antizyklone über Südwesteuropa in die Frontalzone eingreift. Grundsätzlich heben alle Lösungen für Deutschland einen wechselhaften Einstieg hervor, wobei auch bei einer nordwestlicheren Ausrichtung der Strömung ein Alpenstau ins Spiel kommen könnte.
Nachfolgend ergeben sich von Freitag bis Sonntag 3 Cluster mit der Dominanz der Blockierung (erster Cluster auch mit einem Rücken über dem Nordostatlantik, in dem auch der Kontrolllauf zu finden ist). Hier ist die Fehlerfortpflanzung aus den Vortagen zu erkennen:
Wird nur wenig Energie in den sich über dem Baltikum einnistenden Trog geführt, dann kann sich über West- und Mitteleuropa eine umfangreiche blockierende Antizyklone ausbilden, die aktuell im zweiten Cluster zu finden ist. Wird mehr Energie nach Osten gebracht, dann kann sich über Ost-/Südosteuropa ein Trog (später ein umfangreiches Tief) einnisten, was auch für Deutschland von Interesse wäre mit Blick auf kräftigere Niederschläge. Nur wenige Member stützen dieses Szenario im 3. Cluster.
Der erste Cluster fährt einen Mittelweg und platziert uns zwischen einem Atlantikrücken und einem Tief über dem Baltikum im Niemandsland in einer zonal geprägten westlichen bis nordwestlichen Höhenströmung.
Zum Ende der Mittelfrist nehmen die Unsicherheiten weiter zu, was sich zwar nicht in der Anzahl der Cluster äußerst (nur zwei), sondern eher in deren recht konträr berechneten Szenarien. Im ersten Cluster dominiert die Blockierung mit einem quasi-stationären Keil über Nordwesteuropa. Hier wäre Deutschland peripher eines umfangreichen Tiefdruckgebietes über Mittel- und Osteuropa zu finden. Im zweiten Cluster ist der Rossbywellenzug östlicher verschoben und wir würde eher vom Keileinfluss profitieren. Richtung Ende Juni würde dann die Blockierungstendenz über Mitteleuropa in beiden Clustern weiter zunehmen.
Innerhalb der Meteogramme zeigt sich, dass der Kontrolllauf von IFS teils stärker vom IFS-ENS abweicht. Dies wird in Form einer leicht versetzten Phase des Rossbywellenzuges ersichtlich, der uns im Kontrolllauf etwas mehr in den Keil und somit unter die Trogvorderseite des Nordatlantiktroges bringt. Entsprechend liegt der Kontrolllauf bei der Temperatur teils oberhalb des Interdezilbereichs, was besonders für den Süden und die Mitte gilt. Im Norden und Osten fällt diese Diskrepanz etwas weniger stark aus. Insgesamt ist aber von Südwesten eine sukzessive Erwärmung innerhalb aller Meteogramme zu erkennen, wobei die wechselhafte Witterung nur zögernd abebbt. Die Erwärmung könnte sich im Nordosten der Republik schwer tun, bei einer möglichen Platzierung östlich der Keilachse.
Auch innerhalb der Rauchfahnen ergibt sich eine rasch zunehmende und nachhaltige Streuung der Member, wobei der Kontrolllauf eher am oberen Rand der Memberschar zu finden ist. Es muss weiterhin festgehalten werden, dass die Numerik noch große Probleme mit der anstehenden Neuausrichtung hat.
Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen
Die Mittelfrist ist insgesamt eher arm an markanten Wettererscheinungen aufgestellt, was auch von einem recht inaktiven EFI gestützt wird. Vielleicht reicht es mit Wellen-/Frontpassagen entlang der Küsten exponiert mal für die eine oder andere stürmische Bö, was auch der Fall peripher der Gewitter im Norden und Osten der Republik am Donnerstag sein kann.
Basis für Mittelfristvorhersage
IFS, IFS-ENS, GEFS, MOSMIX
VBZ Offenbach / Dipl. Met. Helge Tuschy





