Synoptische Übersicht Kurzfrist

Synoptische Übersicht Kurzfrist

ausgegeben am Dienstag, den 07.07.2026 um 08 UTC

GWL und markante Wettererscheinungen:
GWL: Zunächst noch NWz (Nordwest zyklonal), bis Donnerstag Übergang zu NWa bzw. Na (Nordwest/Nord antizyklonal)

Brachialer Sommersturm über der Ostsee - Deutschland am Rande mit weiterhin großen, vor allem thermischen Unterschieden zwischen Nordost und Südwest.

Synoptische Entwicklung bis Donnerstag 24 UTC

Dienstag... befindet sich Deutschland am südlichen Rand eines mehrkernigen Tiefkomplex über Skandinavien, dem ein recht flacher, dafür breiter Potenzialrücken über den nahen Atlantik respektive Südwesteuropa gegenübersteht. Macht unter dem Strich eine zyklonal konturierte nordwestliche Höhenströmung, unter der heute die mittlerweile doch ziemlich krasse Zweiteilung nicht nur des Wetters, sondern auch der Temperatur erhalten bleibt. Hochsommer im Südwesten, Frühherbst im Nordosten, so die etwas überspitzt formulierte Kurzformel des aktuellen Geschehens. Doch zunächst zurück zum nordeuropäischen Tiefdrucksystem, bei dem der sonst von tropischen Wirbelstürmen bekannte Fujiwara-Effekt zum Tragen kommt. Heute Morgen können im Potenzialfeld drei Kerne ausgemacht werden: #1 Westnorwegen, #2 Nordschweden, #3 Südfinnland. #2 und #3 verschmelzen im Tagesverlauf zu einem Drehzentrum, während #3 südostwärts Richtung Südschweden steuert. Kurzum, die Kerne bewegen sich um eine virtuelle Drehachse gegen den Uhrzeigerinn, beeinflussen sich dabei und am Ende - jetzt sind wir aber schon am morgigen Mittwoch - geht ein Wirbel auf Kosten des anderen als "Sieger" hervor. In diesem Fall wird das die #3, also der südliche Kern sein, der ganz nebenbei auch noch eine veritable Sommerzyklogenese anstößt.

Womit wir bei der Bodendruckverteilung wären. Auch da lassen sich über Skandinavien mehrere Kerne detektieren, von dem wir uns den entscheidenden herausspicken. Heute früh noch als kleines und unscheinbares 1000-hPa-Tief unweit des Oslofjords gelegen, geht es im Tagesverlauf eine äußerst fruchtbare Symbiose mit der #3 ein. Konkret, das Bodentief gelangt unter die entwicklungsgünstige diffluente Vorderseite des Höhentiefs ("left exit") in einen Bereich mit reichlich Höhendivergenz, der kräftigen Druckfall zur Folge hat. So wird sich der BERNADETTE II getaufte Wirbel (BERNADETTE die Erste befindet sich weit weg westlich von Island) auf seinem Weg zum baltischen Ostseeraum bis Datumswechsel auf etwa 985 hPa!! vertiefen und Teilen der Ostsee einen dicken, fetten Sturm bescheren bis hin zu schweren Sturm-, in Verbindung mit Konvektion vielleicht sogar Orkanböen bescheren. Bleibt zu hoffen, dass die im Sommer zahlreichen Segler und Motorbootfahrer früh genug gewarnt sind und sich von den freien Wasserflächen zurückziehen.

Wir hier in Deutschland bleiben freilich nur am Rande des Sturmtiefs, was aber keinesfalls bedeutet, dass hier nur ein laues Lüftchen über die Lande weht. Der Gradient ist auch in der Peripherie des Sturmwirbels noch solide genug aufgestellt, gestützt übrigens durch JOCHEN, seines Zeichens Hochdruckgebiet über Südwesteuropa und dem nahen Atlantik. Drucktechnisch gehört JOCHEN sicherlich nicht zu den Vollathleten seiner Zunft (vielmehr als 1020 hPa lassen sich nicht finden auf der Wetterkarte), trotzdem leistet auch er seinen Beitrag. Vor allem aber beschert er den Süd- und Westdeutschen einen zwar nicht lupenreinen (dazu ziehen immer wieder mal mehr, mal weniger dichte Wolkenfelder durch), aber doch sehr warmen bis heißen Sommertag mit Temperaturspitzen zwischen 28 und 35°C. Je weiter wir jedoch Richtung Norden und Osten blicken, desto mehr Abstriche gilt es zu akzeptieren: die Wolken werden nicht nur immer dichter, sie werden auch inkontinent. Vor allem zwischen Nordsee und Oder bzw. Neiße fällt immer mal wieder etwas Regen oder Nieselregen, wobei am Nachmittag aber eine abnehmende Tendenz erkennbar ist. Dazu nimmt die Temperatur von SW nach NO graduell ab, so dass am Ende der Fahnenstange zwischen Deutscher Bucht und Uckermark gerade mal schlappe 18 bis 20°C als Höchstwert übrigbleiben.

Im Blickpunkt des heutigen Geschehens steht aber eindeutig der Wind, der im Tagesverlauf aus West bis Nordwest kommend Fahrt aufnimmt und weiten Teilen des Landes Spitzen der Stärke 6 bis 7 Bft beschert. Noch mehr gibt es in höheren Lagen sowie an den Küsten, wo Böen 8-9 Bft, auf dem Brocken sogar 10 Bft auf der Karte stehen. Eine 10 Bft ist am Nachmittag auch auf Rügen nicht gänzlich ausgeschlossen, dann nämlich, wenn die Kaltfront auf den Norden des Landes übergreift. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass sich die gestern ausgegebenen Windwarnungen stark an der ICON-DE-EPS Prognose orientiert haben. Externe Modelle, allen voran IFS, sind 0,5 bis 1 Windstärken aggressiver als die deutsche Modellkette, so dass auch größere Flächen Böen 7 Bft abbekommen würden. Es ist bekannt, dass IFS den Impulstransport von Höhenwinden der unteren Troposphäre häufig übertreibt, insbesondere bei stabiler Schichtung. Heute ist die Schichtung relativ stabil, so dass wir gespannt sein dürfen, was am Ende herauskommt - ein guter Tag, um die Modellprognosen zu verifizieren.

In der Nacht zum Mittwoch, im Grunde schon in den Abendstunden beginnt der Luftdruck von Südwesten her langsam zu steigen, was eine beginnende Aufweichung des Gradienten zur Folge hat. Hinzu kommt der Tagesgang, so dass vom tagsüber noch so mobilen Wind nicht allzu viel übrigbleibt. Insbesondere im Binnenland geht´s schnell zu Ende, während die Maschinen an den Küsten deutlich langsamer gestoppt werden können. Zwar verliert der Wind auch dort an Mobilität, an der Ostsee sowie an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste bleiben aber zumindest einiger 7er-, anfangs auch noch 8er-Böen (Vorpommern) bis zum Frühstück am Start.

Ansonsten gilt es zu konstatieren, dass die Höhenströmung etwas nach rechts dreht (also aufsteilt), weil a) unsere #3 über die Ostsee gen Baltikum schwenkt und b) der Rücken über dem nahen Atlantik an Amplitude gewinnt. Viele Impulse lassen sich nicht ableiten aus der Höhe, so dass die nach Südwesten vorankommende Kaltfront zwar ´ne Menge Wolken, aber nur wenig Regen generiert. Größere Wolkenlücken gibt es präfrontal im äußersten Süden und Südwesten sowie in der postfrontal einfließenden, deutlich abgetrockneten (PPW um oder unter 15 mm) maritimen Polarluft (mP; Rückgang T850 auf 8 bis 5°C).

Mittwoch... bleibt uns die zunehmend indifferent konturierte nordwestliche Höhenströmung erhalten. Nennenswerte Hebungsimpulse sind weiterhin nicht auszumachen, so dass wir unseren geschulten Blick rasch auf die Verhältnisse in der untersten Troposphäre lenken können. Dort nistet sich das Sturmtief über dem baltischen Festland ein, wo es sich langsam aber sicher auffüllt. Der Restgradient an der Südwestflanke reicht aber noch aus, um im Norden und Osten des Vorhersageraums einen mitunter böig auflebenden, mit heute aber nicht mehr vergleichbaren Nordwestwind zu initiieren. Böen 7 Bft fokussieren sich auf einige Küstenabschnitte (vor allem Nordsee SH, Fehmarn, Ostsee Vorpommern) nebst angrenzenden Binnenland sowie auf höhere Lagen oder Leelagen der Mittelgebirge.

Darüber hinaus gilt es die Kaltfront zu erwähnen, die in ihrem Ostteil den Süden erreicht, von dort aber Richtung Deutsche Bucht zurückhängt respektive in die Warmfront eines Tiefdrucksystems über Nordwesteuropa übergeht, in dem auch BERNADETTE I drinhängt. An bzw. in der Peripherie der Front bleibt es längere Zeit stark bewölkt oder gar bedeckt, bevor zum Nachmittag und Abend zunehmende Auflockerungstendenzen sichtbar werden. Hier und da fällt etwas Regen oder Nieselregen, am östlichen Alpenrand (Stau) auch länger und etwas mehr (um 5 l/m²). Dort spukt in einigen Modellen sogar die Idee von einem Gewitter herum, was zwar nicht besonders wahrscheinlich, aber auch nicht gänzlich ausgeschlossen. Eine bei 600 bis 550 hPa vorhandene Sperrschicht, die dort anzutreffenden -7/-8°C sowie die rasche und deutliche Abtrocknung darüber sind alles Argumente, die gegen elektrische Überentwicklungen sprechen. Ansonsten zeigt sich sowohl im äußersten Südwesten (27 bis 32°C) als auch im postfrontalen Nordosten (21 bis 25°C; direkt an der See etwas darunter) zeitweise die Sonne.

In der Nacht zum Donnerstag schiebt sich der Höhenrücken dichter an den Vorhersageraum heran. Im Bodendruckfeld macht sich das kaum bemerkbar, bleibt doch das Niveau auf vergleichsweise bescheidenen 1014 bis 1018 hPa stehen. 4 hPa Unterschied implizieren - und das völlig zu Recht -, dass beim Wind nun auch an den Küsten nicht mehr viel geht. Was natürlich auch daran liegt, dass sich das ehemalige Sturmtief weiter auffüllt. Schwer hat es die Kaltfront, die sich dem Druck des Rückens wird beugen und von der Wetterkarte verschwinden müssen. Bewölkungsrückgang bzw. -auflösung machen weitere Fortschritte, allerdings mit zwei Ausnahmen: Im Süden/Südosten, gerade Richtung Alpen (Stau), bleibt es gebietsweise dicht bewölkt. Am Alpenrand tröpfelt es hier und da sogar noch ein wenig. Zudem ziehen von der Nordsee dichte und ausgedehnte SC-/ST-Felder landeinwärts, wobei noch nicht ganz klar ist, wie weit. Thermisch geht´s deutschlandweit runter auf 17 bis 11°C.

Donnerstag... ist die Wettergeschichte relativ schnell erzählt. Der Rücken rückt noch etwas dichter an Deutschland heran, bleibt mit seiner Achse aber trotzdem noch knapp westlich von uns positioniert. Die inzwischen auf Nord-Nordwest gedrehte Höhenströmung wird immer schwächer und kann bei den synoptischen Betrachtungen vernachlässigt werden. Bodennah gelangen wir in den gradientschwachen Bereich eines wabbeligen, vom nahen Atlantik nach Mitteleuropa gerichteten breiten Hochkeils, der keine 1020 hPa auf die barische Waage bringt. Unter gütiger Mithilfe des Rückens langt das aber, um weite Teile Süd- und Westdeutschlands mit viel Sonne und sommerliche Wärme oder Hitze zu versorgen (Tmax 26 bis 33°C). Lediglich in Ost- und Südostbayern ist der Wolkenanteil etwas höher. Die meisten Wolken allerdings ziehen von der Nordsee bzw. Norddeutschland (wir erinnern uns, in der Nacht ist Stratus und Stratocumulus reingezogen) südostwärts in Richtung Erzgebirge, was typisch für diese Strömungskonstellation ist. Vereinzelt fallen sogar ein paar zaghafte Tropfen. Richtung Ostsee, insbesondere gen Vorpommern und von dort runter bis in den Berliner Raum und die Lausitz nehmen die Sonnenanteile wieder zu. Temperaturen in der NO-Hälfte 20 bis 27°C.

Die Nacht zum Freitag bringt vielerorts gering bewölkte oder klare Verhältnisse. Einzig im besagten Korridor Nordsee-Erzgebirge bleibt es gebietsweise wolkig oder stark bewölkt. Dort, wo es länger aufreißt, kann sich (flacher) Nebel bilden. 19 bis 11°C, in einigen Ballungszentren im Südwesten lokal auch schon mal wieder 20°C.

Modellvergleich und -einschätzung

Die Basisfelder werden von den Modellen sehr ähnlich gerechnet. Es sind die bekannten Unterschiede, die auftreten. Nimmt man den Vergleich ICON vs. IFS, dann bietet IFS sowohl etwas mehr Wind als auch etwas mehr Niederschlag an. Wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte. Gleichwohl wurde sich im Windwarnmanagement etwas mehr ans IFS orientiert und somit das Rundum-Sorglos-Paket gebucht.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann